2017 stellte das Sommerblut Kulturfestival das Thema „Rausch“ in den Mittelpunkt und beleuchtete die verschiedenen Facetten dieses besonderen psychischen Zustands.

Der Schriftsteller Aldous Huxley nahm in den letzten zehn Jahren seines Lebens (1953-1963) mehrfach Meskalin und LSD ein und beschrieb seine Erfahrungen in dem Essay „Die Pforten der Wahrnehmung“. Er kommt zu folgendem Schluss: „Dass die Menschheit als Ganzes je imstande sein wird, ohne künstliche Paradiese auszukommen, ist sehr unwahrscheinlich. Die meisten Menschen führen ein schlimmstenfalls so beschwerliches, bestenfalls so eintöniges, armseliges und beschränktes Leben, dass der Drang, ihm zu entfliehen, die Sehnsucht – wenn auch nur für ein paar Augenblicke –, aus und über sich selbst hinauszugelangen, eine der vornehmlichen Begierden der Seele ist und immer gewesen ist.“

Die Kulturgeschichte wie auch die globale Gegenwart scheinen Aldous Huxley rechtzugeben. Eine Welt ohne Rauschzustände, Alkohol und andere Drogen ist kaum vorstellbar. Jedoch – wer kann genau sagen, ob die im Rausch erblickten Paradiese künstlich sind? Immerhin besteht auch die Möglichkeit, dass erst der Rausch den Zugang zu einer anderen, höheren oder vielleicht sogar göttlichen Ebene der Realität öffnet.

Zahllose Beispiele der Verknüpfung von Rausch und Religion belegen das Streben nach Überwindung der Schranken des menschlichen Bewusstseins, um in jene Spähren eintreten zu können, die dem nüchternen Wachzustand verborgen sind. Schamanen verwenden Drogen, um mit ihren tiergestaltigen Schutzgeistern Kontakt aufzunehmen, Priesterinnen der afrobrasilianischen Religionen nehmen Drogen, damit die Götter, denen sie dienen, sie in Besitz nehmen können. Monotone Rhythmen und Bewegungsformen und sogar körperliche Schmerzen können von Rausch-Experten anstelle von Drogen als Hilfsmittel zur Induzierung von „heiligen“ Rauschzuständen verwendet werden. Man denke hier etwa an die tanzenden Derwische des mystischen Islam.

Auch in der Profanisierung des Rausches blieb die Wechselbeziehung von Rausch und Kunst eng. Musik und Tanz können so konzipiert sein, dass sie rauschhafte Zustände von Trance oder Ekstase hervorrufen. Ein musikalisches Werk, welches auf vielschichtige Weise mit dem Thema „Rausch“ verknüpft ist, ist Igor Strawinskis Ballettmusik „Le Sacre du Printemps“. Nicht nur die Handlung des Balletts, an deren orgiastischem Höhe- und Schlusspunkt sich ein junges Mädchen zu Tode tanzt, thematisiert die rauschhafte Ekstase, sondern auch die Musik selbst vermag offenbar ihre Zuhörer in rauschartige Zustände zu versetzen. Über die Uraufführung des „Sacre“ (1913) in Paris, die oft als größter Skandal der Musikgeschichte bezeichnet wird, wird gerne folgender Augenzeugenbericht zitiert: „Der junge Mann, der hinter mir in der Loge saß, stand im Verlauf des Balletts auf, um besser zu sehen. Die starke Erregung, die ihn gefangen hielt, äußerte sich darin, dass er sogleich anfing, mit seinen Fäusten im Takt auf meinen Kopf zu schlagen. Ich selbst war so außer mir, dass ich die Schläge lange Zeit nicht spürte.”

Eine der ältesten Drogen ist der Alkohol. Die frühen Verfahren des Weinkelterns und Bierbrauens lieferten Getränke mit – verglichen mit heute – recht geringem Alkoholgehalt und entsprechend schwacher Rauschwirkung. Erst die Entdeckung des Destillierverfahrens ermöglichte die Herstellung hochprozentiger Schnäpse, die schnell betrunken machen. Aufgrund der langen kulturellen Geschichte des Alkoholkonsums hat diese „Volksdroge“ in unserer Gesellschaft einen festen Platz, den ihr auch die verheerenden Folgen der Alkoholabhängigkeit nicht streitig machen können.

Der Schweizer Chemiker Albert Hofmann entdeckte 1943 die hallozinogene Wirkung des LSD. Gemeinsam mit anderen Drogen wie Meskalin, psilocybinhaltigen Pilzen und Haschisch hatte LSD einen weitreichenden Einfluss auf die amerikanische und später auf die europäische Popkultur. Nicht von ungefähr besteht die Vermutung, dass die Band „The Doors“ ihren Namen nach dem oben erwähnten Essay von Aldous Huxley wählte. Mit den Musiktrends änderten sich die Drogen – oder war es umgekehrt? Die 80er und 90er Jahre des 20. Jahrhunderts standen jedenfalls im Zeichen von Techno, Trance und Ecstasy. Auffallend ist, dass seit der Jahrtausendwende Drogen wie Crystal Meth auf dem Vormarsch sind, deren Rausch in eine ganz andere Richtung zielt: es geht nicht mehr um Bewusstseinserweiterung und Halluzinationen, sondern um Schärfung der Sinne, Leistungssteigerung und Selbstoptimierung.

Nicht nur Musiker*innen, sondern auch Künstler*innen aller anderen Kunstsparten schätzen offenbar den (Drogen)-Rausch als Quelle der Inspiration. Doch viele müssen hierfür einen hohen Preis zahlen: die Anzahl der Drogenopfer ist in Künstlerkreisen exorbitant hoch. Saufende Schriftsteller, heroinsüchtige Rock-Musiker, tablettenabhängige Schauspieler – Sucht, Absturz, Delirium und Tod mit 27 …

Die hässliche Kehrseite des Rausches ist die Sucht. Im Endstadium der Sucht hat die Droge ihre Rauschwirkung verloren und dient nur noch dazu, das Auftreten von Entzugserscheinungen zu bekämpfen.

Betrachtet man die Wortverbindungen, die mit dem Wort „Rausch“ kombinierbar sind, dann scheint es erstaunlich viele weitere Gefühle, Dinge und Tätigkeiten zu geben, die den emotionalen Zustand des Rausches auslösen können: Liebe, Macht, Blut, Geld, Spielen, Geschwindigkeit, Einkaufen … Die meisten dieser Worte lassen sich leider auch mit „Sucht“ verbinden.