Im Festivaljahr 2018 hat Sommerblut den menschlichen Körper in den Mittelpunkt gestellt und ihn in allen seinen Facetten inszeniert. Ob groß oder klein, jung oder alt, schön oder hässlich, perfekt oder unvollständig – in Tanz- und Theateraufführungen, Ausstellungen und Musik haben wir den Körper als Quelle von Lust und Frust gezeigt.

Der menschliche Körper ist ein hochkomplexes Gebilde, ausgestattet mit vielfältigen Funktionen, ein Instrument für erstaunliche Leistungen in den Bereichen Motorik, Sinneswahrnehmungen und Ausdrucksmöglichkeiten. Zugleich ist der Körper unvollkommen, fragil und anfällig für alle Arten von Krankheiten und Defekten. Zum Überleben brauchen wir Kleidung, um uns vor der Witterung zu schützen, Brillen, um unsere Sehfähigkeit zu verbessern und medizinische Behandlungen, die die Leistungsfähigkeit unseres Körpers wiederherstellen und aufrecht erhalten.

Wir „arbeiten“ an unseren Körpern, lassen Chirurgien über uns ergehen, ritzen unsere Haut, transplantieren und optimieren alle Funktionen. Wir träumen von verpflanzten Nanochips, die unsere Körper mit dem Netz verbinden. Und wer nicht mithalten kann, der fliegt durchs Netz. Wie ergeht es den „Trägern“ der Körper dabei? Wie halten sie die ständige Pathologisierung aus? Das Idealgewicht wird verfehlt, zu wenig Sport mindert die Leistungsfähigkeit, altes Aussehen reduziert Chancen im Beruf und bei der Partnerfindung, chronische Schmerzen führen zur Minderung des Lebensqualität.

Die Grenze zwischen lebensnotwendigem Eingriff und zwanghafter Selbstoptimierung ist dabei fließend. Ein Beispiel hierfür ist der Ersatz fehlender Gliedmaßen. Neben ästhetischen Aspekten stand bei der Entwicklung von Prothesen zunächst die funktionale Wiederherstellung im Vordergrund. Die eiserne Armprothese des Götz von Berlichingen (1480–1562) ermöglichte dem Ritter, wieder sein Schwert zu greifen. Doch in der gegenwärtigen Entwicklung von hochtechnisierten Prothesen verschwimmen die Grenzen und ebenso die Wertigkeiten zwischen Mensch und Technik. Hierin eröffnen sich neue und ungeahnte Möglichkeiten – aber auch ethische Risiken.

Heutige Prothesen, wie z.B. chipgesteuerte Bein- oder myoelektrische Armprothesen lassen Cyborgs aus Science-Fiction-Filmen Realität werden. Am Beispiel der Kontroverse um den paralympischen Weitspringer Markus Rehm kam die Frage auf, wie weit eine Prothese noch der Wiederherstellung von Funktionalität, Selbstbewusstsein und Lebensqualität dient und wann man bereits von „too-abled“, dem Ansatz von Übermenschlichkeit, sprechen muss. Treibt der Hang zur Selbstoptimierung eines Tages auch Menschen ohne Behinderung dazu, gesunde Körperteile ersetzen zu lassen, um noch leistungsfähiger zu sein? Heutzutage entfaltet sich ein neuer Zeitgeist, der mit einem großen Selbstbewusstsein vieler Prothesenträger*innen und der Forderung nach Enttabuisierung des vermeintlichen „Makels“ einhergeht. Die Sängerin Viktoria Modesta, die ihre Unterschenkelprothese bewusst provokant zur Schau stellt und Aimee Mullins, die als Model mit Prothese u.a. für L’Oréal eine neue Definition von Schönheit prägt, sind nur zwei Vertreterinnen, die für diese Bewegung stehen.

Überhaupt ist die Schönheit ein zentrales Thema, denn der Körper ist ihre Spielwiese und ihre Projektionsplattform. Zufriedenheit mit dem natürlichen optischen Erscheinungsbild des Körpers gibt es praktisch zu keiner Zeit und in keiner Kultur. Make-Up, unbequeme Kleidung und aufwendige Veränderung der Behaarung gehören noch zu den harmloseren Beispielen des Strebens nach Perfektion. Die Haut wird zur Leinwand für Tätowierungen und Schmucknarben, Körperteile werden durchbohrt, chirurgisch verändert, eingeschnürt oder mit Implantaten ausstaffiert, der Körper selbst wird mit Schmuck dekoriert und mit Nahrung über- oder unterversorgt. Wir wollen unseren Körper solange beherrschen, transformieren und optimieren, bis wir feststellen, dass die wahre Schönheit doch von innen kommt. Dann streben wir danach, in Einklang mit der Natur und unserem Körper zu leben. Kosmetik- und Fashion-Industrie kontern und erfinden den Nude-Look als neuen Make-Up Trend, der den Anschein von Natürlichkeit erweckt, in Wirklichkeit aber eine komplexe Zusammenstellung von Schminktechniken und -produkten ist.

In der Kunst kann der Körper das Werkzeug wie auch der Gegenstand sein. Tänzer, Schauspieler, Musiker und Bildende Künstler benutzen ihren Körper oder zumindest Teile ihres Körpers, um Kunst in Form von Bewegung und Klang zu erschaffen oder zur Herstellung künstlerischer Produkte. Abgebildet und dargestellt wird wiederum in unzähligen Varianten der menschliche Körper – als Metapher für Schönheit oder Leid, als Abbild des Göttlichen oder Sinnbild der Hässlichkeit.